100 Jahre Frauenwahlrecht

Eine Ausstellung im
Potsdamer Eiscafé Evas Sünde

Frauen sind bis Ende des 19. Jahrhunderts – in Preußen sogar bis zur Einführung des Reichsvereinsgesetzes 1908 – per Gesetz von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Tief sitzen vor allem männliche Vorbehalte gegen jene, die aktiv in die Belange des Staates eingreifen wollen. Daher bleibt ihnen häufig auch danach der Zugang zu Parteien und politischen Vereinen verwehrt.

Am 12. November 1918 verkündet der Rat der Volksbeauftragten schließlich das Wahlrecht für Alle. Jetzt können auch Frauen ihre Stimme abgeben. Lange hatten sie dafür gekämpft, seit 1891 werden sie dabei von der SPD unterstützt. Die anderen Parteien stehen der politischen Arbeit von Frauen eher ablehnend gegenüber. Doch um die Gunst der 17,7 Millionen Wählerinnen zu gewinnen, müssen sie nun Kandidatinnen für die im Januar 1919 neu zu wählenden Parlamente finden. Meist werben sie in Frauenverbänden um erfahrene Mitglieder. SPD und Unabhängige Sozialdemokraten (USPD) mobilisieren indes die eigenen Reihen – hier nehmen Frauen schon länger an parteipolitischen Debatten teil.
Plakate und Flugblätter wenden sich zielgerichtet an die weiblichen Wahlberechtigten. Die Parteien appellieren an sie als Mütter und Staatsbürgerinnen, in deren Händen angeblich die Zukunft Deutschlands liegt. Die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) und das katholische Zentrum werben vorwiegend mit bewahrenswerten christlichen und moralischen Werten. SPD, USPD und die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) motivieren Frauen hingegen auch zum politischen Mittun.
 Zur ersten Wahl nach dem Krieg gründet sich der Ausschuss der Frauenverbände Deutschlands. Dieser überparteiliche Verbund von Frauenvereinen weist auf die politische Tragweite des neuen Stimmrechts hin: Wählen gehen bedeutet, sich für Brot und Frieden einzusetzen.

Auch ein Werbefilm entsteht: Im Auftrag des Rates der Volksbeauftragten lässt die Reichszentrale für den Heimatdienst den 13-minütigen Film „Anna Müller-Lincke kandidiert“  produzieren. Werner Sinns Komödie klärt über das Prozedere zur Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung auf: von der Aufstellung der Parteikandidaten über die korrekte Stimmabgabe bis hin zur Bekanntgabe der Ergebnisse. Der Film propagiert zugleich die Teilnahme an der Wahl, deutet das künftige Parteienspektrum an und thematisiert das Frauenstimmrecht. Dabei schreckt er auch vor derben Klischees nicht zurück. Drei Kandidaten aus einer Familie treten gegeneinander an: Amanda Himmelfahrt für die Partei der radikalen Frauen und Jungfrauen, ihr Bruder Piesecke für die imperialistische Partei und Hans Stark, der Verlobte von Pieseckes Tochter Erna, für die republikanische Partei. Letztere gewinnt schließlich, denn sie symbolisiert den demokratischen Neuanfang Deutschlands.
Der Film läuft von Dezember 1918 bis Januar 1919 im Vorprogramm der Kinos. Die Entscheidung für den realen Namen der Hauptdarstellerin Anna Müller-Lincke im Titel dürfte werbewirksam gewesen sein, denn die „Königin des Humors“, so die Fachzeitschrift Lichtbild-Bühne, ist ein Publikumsmagnet.

Nach 1919 sinkt der Frauenanteil in den meisten deutschen Parlamenten. Viele Kandidatinnen erhalten nur chancenlose Listenplätze. Und bis 1933 gelangt keine Frau in politische Spitzenämter. Die von Vertreterinnen der Stimmrechtsbewegung diskutierten Frauenlisten oder eine Frauenpartei, die den weiblichen Anteil in den Volksvertretungen erhöhen könnten, werden kaum realisiert.

Sind Sie neugierig geworden? Dann besuchen Sie auch die anderen Seiten auf unserer Homepage oder bestellen Sie die 55-seitige Dokumentation der Ausstellung, die vom 23. November 2018 bis zum 26. Mai 2019 im Eiscafé Evas Sünde in der Potsdamer Dortustraße 22 zu sehen war. Sie erhalten das Buch beim Autonomen Frauenzentrum Potsdam: https://frauenzentrum-potsdam.de/frauenzentrum/publikationen/ (per Mail post@frauenzentrum-potsdam.de oder telefonisch unter 0331-901313).
Übrigens haben wir für die Ausstellung ein Café ausgesucht, weil es an die Zeit erinnern sollte, als auch Restaurants Wahllokale waren.

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