Das Pflichtgefühl zur Wahl

Auch Preußen erhält 1919 ein neues Parlament: Die verfassunggebende Landesversammlung, Vorläufer des preußischen Landtags, wird am 26. Januar 1919 gewählt. Die Beteiligung ist im Vergleich zur Nationalversammlung rückläufig. Laut Potsdamer Tageszeitung „haben die Frauen ein stärkeres Pflichtgefühl in der Wahrnehmung ihrer Rechte als die Männer.“ Zwei Drittel gehen wählen, doch im Parlament sind von den 401 Abgeordneten nur 26 weiblich. Über den höchsten Frauenanteil verfügt bis 1932 die SPD: 13 bis 15 Prozent, gefolgt von der katholischen Zentrumspartei. Unter den insgesamt 1.400 Abgeordneten in allen Legislaturperioden sind 91 Frauen, sechs bis zehn Prozent also. Die Mehrheit hat sich zuvor nicht politisch betätigt. Die einzige Potsdamerin im Landtag ist ab 1924 Helene von Watter, Ärztin, Rassenhygienikerin und DNVP-Mitglied.

Die letzte Wahl findet am 5. März 1933 statt, bis zum Sommer streicht die NSDAP die Mandate von KPD und SPD. Im Oktober wird der Landtag aufgelöst.

Else Fisch

Die politisch aktive Telegraphensekretärin stammt wahrscheinlich aus Gutenpaaren. Ihr Vater ist Müller und übernimmt 1877 eine Kaffeewirtschaft in Brandenburg/Havel. Else Fisch gehört 1912 zu den Gründerinnen des Verbandes Deutscher Reichs-Post- und Telegraphenbeamtinnen. 1914 ist sie zweite Vorsitzende, Ende der 1920er Jahre Schriftleiterin der Verbandszeitschrift „Unter dem Reichsadler“. Sie wirkt ab 1910 im Bund Deutscher Frauen mit, unter anderem im Vorstand der Ortsgruppe Brandenburg/Havel.

Else Fisch tritt 1919 erfolglos zur Nationalversammlung an. Sie ist die einzige Frau unter zehn Kandidaten der DDP für den Wahlkreis 4, zu dem auch Potsdam zählt. „Werdet rechte Mütter am deutschen Volke!“ fordert sie Frauen anlässlich der Wahl der preußischen Landesversammlung zum kommunalpolitischen Engagement auf. Sie selbst ist von 1919 bis 1924 Stadtverordnete in Brandenburg/Havel, gehört 1924/25 dem preußischen Landtag und sieben Jahre dem Parteiausschuss der DDP an. 1923 ist sie die erste Frau im Reichsdisziplinarhof für Beamte. Sie setzt sich mit Steuerfragen, dem Beamtenrecht und berufsspezifischen Themen auseinander, die Frauen betreffen. 1928 kandidiert sie erneut für den Reichstag, wird aber nicht gewählt. Sie engagiert sich jedoch weiter in der Deutschen Staatspartei, wie die DDP nach dem Zusammenschluss mit der Volksnationalen Reichsvereinigung 1930 heißt. Else Fisch geht 1933 in den Ruhestand, nach 1950 verstirbt sie.

Meine Dame, meine Herren!

In der preußischen Provinz Brandenburg wählt die Bevölkerung am 20. Februar 1921 erstmals den Provinziallandtag direkt. Zuvor lag dies in den Händen von Kreistagen und Stadtverordnetenversammlungen. Abstimmungsberechtigt sind Frauen und Männer ab dem 20. Lebensjahr, die seit mindestens sechs Monaten in Brandenburg wohnen.
Die erste Frau unter 96 Abgeordneten ist 1925 die Sozialdemokratin und Rathenower Stadtverordnete Emma Sydow, die bis 1932 dem Provinziallandtag angehört. Und so eröffnet der Oberpräsident diese Sitzung mit den Worten „Meine Dame und meine Herren!“ 1928 folgt Gertrud Allers für die bürgerliche Vereinigung. Die Wahl 1929 bringt den höchsten weiblichen Anteil in der Geschichte des Brandenburger Provinziallandtages: 4,1 Prozent, das sind 92 Männer und vier Frauen, je zwei für die KPD und SPD. 1933 gewinnt die NSDAP und annulliert die Mandate von KPD und SPD. Ende 1933 hört der Landtag auf zu existieren.

Berta Hornick
Die erste KPD-Abgeordnete im Provinziallandtag Brandenburg wird 1873 in Groß Jamno bei Forst geboren. Ihr Vater stirbt 1880 infolge einer Kriegsverletzung. Da die Mutter ihre vier Kinder nicht ernähren kann, wächst Berta Hornick ab 1882 mit einem Bruder im Militärwaisenhaus Pretzsch auf. 1890 bis 1894 nimmt sie eine Stellung als Dienstmädchen in Magdeburg und Berlin an. Dann kehrt sie zur Familie nach Forst zurück, wird Weberin und bringt 1898 ihren Sohn Paul zur Welt. Im Jahr darauf beginnt ihr Engagement im Textilarbeiterverband. 1907 schließt sie sich der SPD an, in der bereits ihre Geschwister organisiert sind. Das politische Leben der Mutter beeinflusst auch den Sohn: Er ist wie sie 1919 Mitgründer der KPD-Ortsgruppe Forst und von 1930 bis 1932 Abgeordneter im Reichstag. Berta Hornick wirkt als Frauenleiterin der KPD Forst, von 1924 bis 1932 als Stadtverordnete und von 1929 bis 1932 im Provinziallandtag. Wegen einer unangemeldeten politischen Versammlung verbüßt sie 1932 eine viermonatige Haftstrafe. Im März 1933 muss sie erneut für mehrere Monate ins Gefängnis. Nach der Entlassung arbeitet sie wieder als Weberin, 1942 geht sie in Rente.
Berta Hornick ist von 1946 bis 1950 Stadtverordnete der SED und hat bis zu ihrem Tod 1961 zahlreiche weitere politische Funktionen inne.

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