Neues Leben blüht aus den Ruinen

Neuwahlen stehen 1919 auch in Potsdam und Nowawes an. In der Zeitung werden Kandidaten/innen für die Gemeindewahl am 23. Februar in Nowawes und die Stadtverordnetenwahl am 2. März gesucht. Bewerben kann sich, wer mindestens 100 Unterschriften von stimmberechtigten Einwohnern/innen erhält. Schulen, Kasinos und Restaurants wie das Wirtshaus Elysium (Nedlitzer Straße) und die Petershöhe (Brauhausberg) dienen als Orte der Stimmabgabe für die verfassunggebende Nationalversammlung, die preußische Landesversammlung und die Stadtverordnetenwahl.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen!“ So beginnt die Potsdamer Tageszeitung am 19. März 1919 ihren Bericht über die neue Stadtverordnetenversammlung. Stärkste Partei in Potsdam wird die DNVP, gefolgt von DDP und SPD; in Nowawes ist es die USPD. Unter den am 2. März 1919 gewählten 60 Abgeordneten sind sechs Frauen. Bis 1929 steigt ihr Anteil von zehn auf 14 Prozent. Im benachbarten Nowawes zieht 1920 die erste Frau in die 36-köpfige Gemeindevertretung ein. 1925 sind gut neun Prozent der dortigen Mandatsträger weiblich.

Die Frauen bringen sich vorwiegend in Diskussionen um soziale Belange ein, darunter die Finanzierung des örtlichen Wohltätigkeitsvereins. Jenseits tradierter geschlechterspezifischer Zuständigkeiten ist dies der Bereich, in dem sie aufgrund von Beruf und Ehrenamt die größten Erfahrungen haben.

1933 gewinnt die NSDAP. KPD und SPD werden ausgeschlossen, die Parlamente am 1. Januar 1934 aufgelöst.

Die ersten weiblichen Abgeordneten der Stadtverordnetenversammlung Potsdam

Elisabeth Holmgren geb. Naruhn (DNVP)

Die Ehefrau des Bauingenieurs Julius Holmgren und Mutter von vier Kindern hat einen der 17 Sitze der Deutschnationalen Volkspartei inne. Der Kreisverband existiert seit dem 26. November 1918 und stellt bis 1933 die stärkste Fraktion in Potsdam. Elisabeth Holmgren ist im Ausschuss für Bittgesuche, im Vorstand des Wohltätigkeitsvereins und 1932 auch im Wahlausschuss aktiv. Darüber hinaus gehört sie dem Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz an und leitet den Verein zum Schutz der Rentner in Potsdam. Elisabeth Holmgren vertritt die DNVP bis zur Selbstauflösung am 26. Juni 1933 im Parlament.

Berta Beyertt geb. Meinhardt (SPD)

Die Sozialdemokraten ziehen 1919 erstmals ins Potsdamer Parlament ein und erringen zwölf Mandate. Sie bilden gemeinsam mit der USPD die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft. Berta Beyertt, Mutter von drei Kindern, ist die einzige Frau, die der SPD-Fraktion in dieser Legislaturperiode angehört. Doch bereits im März 1921 scheidet sie aus. Bis dahin wirkt sie im Ausschuss für Bittgesuche sowie im Vorstand des Wohltätigkeitsvereins mit. Berta Beyertt ist mit dem Zigarrenfabrikanten Paul Beyertt verheiratet. Als dieser 1927 in der „Landesirrenanstalt“ Görden verstirbt, sind beide Rentner und mittellos.

Mathilde Lange geb. Kruggel (USPD/KPD)

Die Hausfrau hat einen von neun Sitzen der USPD inne, die als Abspaltung von der SPD im April 1917 entstanden ist. Sie wird in den Lebensmittel- und Bittgesucheausschuss, in das Mietseinigungsamt, in den Vorstand des Potsdamer Wohltätigkeitsvereins sowie zur ehrenamtlichen Armenpflegerin in Potsdam gewählt. Ab Oktober 1920 vertritt Mathilde Lange die KPD, deren Ortsgruppe sich im März 1919 konstituiert hat. Nach ihrem Ausscheiden im Februar 1924 stellt die KPD keine weiblichen Abgeordneten mehr. Mathilde Therese Lange kommt 1882 in Neubronzin/Kreis Stolp zur Welt. Sie heiratet den Tischler Wilhelm Lange und bekommt zwei Kinder. 1940 stirbt sie in Potsdam.

Helene Krohn (DDP)

Die ledige Postsekretärin gehört der zwölfköpfigen DDP-Fraktion an, deren Potsdamer Ortsverband seit dem 23. November 1918 existiert. Helene Krohn ist Mitglied im Kassen- und Versicherungsausschuss, im Mietseinigungsamt und ab November 1919 unbesoldete Stadträtin – die einzige Frau in dieser Position bis zur Auflösung der Stadtverordnetenversammlung 1933. Sie kandidiert 1921 für den preußischen Landtag, wird jedoch nicht gewählt. 1924 scheidet sie aus dem Stadtparlament aus. Seit mindestens 1927 ist Helene Krohn auch Vorsitzende des Verbandes und des Bezirksvereins Deutscher Post- und Telegraphenbeamtinnen. Sie lebt mit ihrer Schwester Martha Krohn zusammen, die ebenfalls als Postsekretärin arbeitet.

Martha Schulz, geb. Teetzen (DDP/DVP)

Die Hausfrau ist im Ausschuss für Bittgesuche tätig und wechselt später von der liberalen Deutschen Demokratischen Partei zur nationalliberalen Deutschen Volkspartei. Mit deren Mandat kandidiert sie 1928 erfolglos für den preußischen Landtag. Sie scheidet im Februar 1933 aus. Martha Schulz führt den Potsdamer Hausfrauenverein. Seit mindestens 1915 hat sie auch den Vorsitz des 1906 gegründeten Frauenvereins Potsdam inne und leitet dessen Rechtsschutzstelle für Frauen. Geboren wird Martha Marie Charlotte Schulz 1862 in Wollin/Pommern. Sie heiratet den Kaufmann Oskar Schulz, 1942 verstirbt sie kinderlos in Potsdam.

Elisabeth Hoffmann geb. Müller (DVP)

Sie ist eine von acht Vertretern der am 5. Dezember 1918 gegründeten Deutschen Volkspartei. Die Hausfrau sitzt im Lebensmittelausschuss und in der Vertretung des Rückert-Stiftes, der ein Wohnhaus für Frauen unterhält. Außerdem wird sie als Stellvertreterin in den Finanzausschuss gewählt. 1924 scheidet sie aus. Elisabeth Rudolphine Hoffmann kommt 1870 in Thorn/Westpreußen zur Welt. Mit ihrem ersten Ehemann Franz Weinhold lebt sie bis zu dessen Tod 1912 in Eisenach. Danach heiratet sie ihren Schwager Ewald Hoffmann, Baumeister in Potsdam und seit 1914 verwitwet. Elisabeth Hoffmann hat keine Kinder. Ihr Mann stirbt 1927, sie 1939 in Potsdam.

Frau Sand (vermutlich USPD)

Im benachbarten Nowawes wird erst 1920/1921 eine Frau in die 36 Personen zählende Gemeindevertretung aufgenommen. Anna Sand ist verheiratet und arbeitet als Hebamme. Weitere Informationen zu ihr sind bislang nicht bekannt.

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