Wie kamen die Frauen ins Wahllokal?

Der Schnaps floss in Strömen und die eine oder andere Tracht Prügel wurde ebenfalls freigiebig verabreicht. So jedenfalls beschrieb die Hamburger Historikerin Hedwig Richter die Wahltage in den USA des 19. Jahrhunderts. Aber auch in Europa herrschten bis Anfang des 20. Jahrhunderts ähnlich raue männliche Wahlsitten. Und schummrige alkoholgeschwängerte (Wahl-)Lokale waren für Frauen eine No-go-Area.

Umso heller, freundlicher und kultivierter stellte sich die Situation zur Eröffnung des Potsdamer „Frauenwahllokals“ am 23. November dar. In dem wohnzimmergroßen Eiscafé „Evas Sünde“ kamen Frauen aller Generationen zusammen, um die facettenreiche und überaus informative Ausstellung zum Frauenwahlrecht feierlich zu eröffnen.

Gut besucht: Die Eröffnungsfeier des Potsdamer Frauenwahllokals

Alle Sitzplätze und sämtliche Stehplätze waren besetzt. Auch einige Männer waren zur Eröffnung des bundesweit einzigen Frauenwahllokals gekommen.

Unter den farbigen Kronleuchtern des Eiscafés in der Potsdamer Innenstadt wurde lebhaft diskutiert, beschwingt gefeiert und zu guter Letzt auch Sekt getrunken – und vor allem der mutigen Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts gedacht. Zwei Enkelinnen, eine Urenkelin und sogar eine Ururenkelin der ersten Potsdamer Stadtverordneten Else Bauer und Anna Flügge waren ebenfalls da.

Ausstellungskuratorin Jeanette Toussaint mit weiblichen Nachfahren der ersten Frauen in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung

Doch „Wie kamen die Frauen ins Wahllokal“ fragte der faktenreiche und zudem unterhaltsame Vortrag der Historikerin Hedwig Richter, die seit einigen Jahren „Zur Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland und seinen Folgen“ forscht. Im 19. Jahrhundert war völlig klar, dass Frauen nicht wählen dürfen und ein Aspekt, warum das so war, so die Sozialforscherin, hing auch mit der Beschaffenheit des Wahllokals und den männlich geprägten Wahlsitten zusammen.

Richter beschrieb plastisch die Wahlen in den USA, die auch Vorbildwirkung für die Demokratisierung Europas hatten. Dort wurde während der Wahltage im 19. Jahrhundert viel getrunken, geprügelt und zudem die eigene Stimme für einen Dollar verkauft. Männlichkeit wurde dadurch stark legitimiert. Anhand zeitgenössischer Karikaturen bewies sie auch das Gegenteil: die Delegitimierung des Weiblichen.

Die Hamburger Historikerin Hedwig Richter bei ihrem faktenreichen und unterhaltsamen Vortrag „Wie kamen die Frauen ins Wahllokal?“

Das änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als vor dem 1. Weltkrieg eine international verknüpfte Frauenbewegung entstand. Außerdem entwickelte sich der Konsens, dass Herrschaft durch Wahlen legitimiert werden muss und ein Massenwahlrecht Ausdruck von Zivilisation und Kultur ist.

In diesem Zusammenhang fand auch eine intensive Reform des Wahlvorganges statt: freie und geheime Wahlen, bei denen wirklich die einzelne Stimme zählt, traten auf den Plan. Und die Forderung, dass Wahlen in öffentlichen Gebäuden wie Schulen und als standardisierter Vorgang u. a. mit einheitlichen Wahlzetteln und -kabinen stattfinden sollen. Etwas, das bis heute in allen Demokratien – außer den USA mit Wahlmaschinen – Bestand hat.

Bettina Mros spielte Musik schwedischer, britischer und deutscher Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts

Dies alles kann jede/r Besucher/in im „Frauenwahllokal“ auch per Original-Filmdokument nachvollziehen. In dem Stummfilm „Anna Müller-Lincke kandidiert“ tritt die damals sehr bekannte Berliner Schauspielerin als wahlkämpfende Frauenrechtlerin auf. Der Film wirbt für die erste aktive Teilnahme von Frauen an der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 und ist an der Abspielstation im oberen Bereich der „Frauenwahllokal“ -Ausstellung zu sehen.

Eva Schmale ist die eigentliche Hausherrin im „Frauenwahllokal“

Außerdem gibt es bis Ende Mai 2019, wo am 26. Mai im Land Brandenburg Kommunalwahlen stattfinden, ein umfangreiches Rahmenprogramm, das u. a. mit „Speedmentoring“, Lesungen und Filmvorführungen sowie einem Edit-a-thon zum Frauenwahlrecht mit Wikipedia Deutschland vor allem auch jüngere Frauen einladen will, sich politisch stärker vor allem in den Kommunen zu engagieren.

Zum Abschluss der überaus gelungenen Ausstellungseröffnung machte die Kuratorin Jeanette Toussaint auch die Frauen sichtbar, die das ganze Projekt überhaupt ermöglicht haben. Sie dankte der Ausstellungsgestalterin Susanne Stich, der Projektgruppe Frauenwahllokal – besonders Sabine Hering, Sarah Zalfen und Irene Kirchner – der Firma Digidax und Ralf Forster sowie Helga Liess, Ursula Demitter und Barbara Diederich. Außerdem Lokalinhaberin Eva Schmale für den Raum und dem Land Brandenburg  und der Stadt Potsdam für die Förderung.

Wunderbar musikalisch umrahmt wurde der Abend von der Violinistin Bettina Mros, die schwedische, deutsche und britische Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts zu Gehör brachte.

Text: Astrid Priebs-Tröger
Fotos: Irene Kirchner

Hier kann man den Vortrag von Hedwig Richter nachhören:

Hier finden Sie ihren Aufsatz „Demokratiegeschichte ohne Frauen?“ pdfepub_1f9485ef80bcb48db4b47aae9a834db8

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